An sich selbst von Giacomo Leopardi

Giacomo Leopardi
An sich selbst

Nunmehr wirst du für immer ruhen,
Müdes Meinherz. Es verging die letzte Illusion,
Dass ich mich für ewig hielt. Sie schwand.
Ich spüre es, die Hoffnung auf erwünschte Täuschung,
Sie und der Drang danach verschied.
Ruhet für immer. Genug
Hat das Herz geschlagen. Deine Bewegungen
Sind nichts wert, die Erde ist
keines Seufzers wert. Das Leben ist
Schmerz und Überdruss, sonst nichts. Die Welt ist Dreck.
Ergib dich nun. Verzweifele
Ein letztes Mal. Dem Geschlecht der Menschen
Schenkte das Geschick nur das Sterben. So verachte
Dich, verachte die Natur, verachte die Macht, die uns verborgen quält
Und die grenzenlose Nichtigkeit von allem.

 

(A se stesso
OR poserai per sempre,
Stanco mio cor. Perì l`inganno estremo.
Ch`eterno io mi credei. Perì. Ben sento,
In noi di cari inganni,
Non che la speme, il desiderio è spento.
Posa per sempre. Assai
Palpitasti. Non val cosa nessuna
I moti tuoi, nè di sospiri è degna
La terra. Amaro e noia
La vita, altro mai nulla; e fango è il mondo.
T‘acqueta omai. Dispera
L`ultima volta. A gener nostro il fato
Non donò che morire. Omai disprezza
Te, la natura, il brutto
Poter che, ascoso, a commun danno impera,
E l`infinita vanità del tutto.)

Leopardi verfasste das Gedicht Das Unendliche (Hier lesen) im Jahre 1819 mit 21 Jahren. Er gehört einer Zeit an, die von der europäischen Aufklärung  beseelt und von der Romantik infiziert waren wie in Deutschland zum Beispiel seine Zeitgenossen Novalis oder Hölderlin. Alle drei Dichter weisen indes weit über ihre Zeit hinaus und passen bis heute in keinen literaturhistorischen Rahmen.

Während das Unendlichkeitsgedicht Ausdruck einer erlebten  Unendlichkeitserfahrung darstellt, in der das Ich seine Individualität als von ihm bejahte Auflösung erlebt, stellt  das spätere Gedicht An sich selbst  (zwischen 1833 und 1835) Ausdruck des Abgrundes einer Weltverneinung dar.
Diese passt inzwischen zu vielen Erscheinungen, die erst allmählich in der Zeit nach Leopardi deutlich wurden. Lohnt sich, so lässt sich Leopardis Gedicht An sich selbst heute lesen, das Leben noch in einer Welt, die von der Übernutzung der Erde, von der Erhitzung der Atmosphäre, von lebensgefährlichen Zoonosen und nicht zuletzt von einer friedlich oder kriegerisch bewirkten Verstrahlung tödlich bedroht wird?

Eine genaue Kommentierung beider Gedichte findet sich in folgender italienischer Ausgabe der Leopardi-Gedichte: Giacomo Leopardi, Canti. Indroduzione di F. Gavazzeni, note di F. Gavazzeni e M. M. Lombardi, Milano 2004, 267-274 und 508-514.

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