Der Sieg der Heimtücke und der Fakes im frühen Europa über das kulturelle Plasma 1

Der Sieg der Heimtücke und der Fakes im frühen Europa über das kulturelle Plasma 1

Ein Mitarbeiter von Libido Perunendi:

Sokrates, willst du nicht Palamedes verteidigen, der einst Odysseus entlarvte und später dafür auf Betreiben des Odysseus mit dem Vorwand des Rechtes gesteinigt wurde?

Sokrates:

Yes. I will act on your advice. But Palamedes has to be present as well, together with Odysseus.

Mitarbeiter:

Sprichst du kein Deutsch, Sokrates?

Sokrates:

Schon. Aber ich brauche etwas Anlaufzeit. Denn ich bekomme täglich etwa 1000 Mails in englischer Sprache und beantworte meist nur O,5% davon. Der Rest wird von meinen Sekretärinnen Diotima und Phronima bearbeitet, zu denen sich auch Hermes gesellt, der alle Sprachen versteht und sogar zuweilen kommentierte Übersetzungen liefert. Doch auf deine Anfrage habe ich sofort reagiert. Der Justizmord an Palamedes, das war der Sieg der Heimtücke über die Kultur im Namen der Rhetorischen Ver-Fakung aller Wahrheit bis heute.

Mitarbeiter:

Wau!

Sokrates lacht:

Belle nur!

Palamedes erscheint. Sokrates verbeugt sich, ebenso der Herausgeber.

Palamedes:

Am einfachsten beginne ich mit der einfachsten Darstellung, nämlich der vom römischen Dichter Hyginus. Einverstanden?

Sokrates und der Herausgeber nicken.

Palamendes rezitierend:

»Als die Atreus-Söhne Agamemnon und Menelaos

mit den verbündeten Heerführern zum Kampf nach Troja zogen,

kamen sie nach Ithaca zu Odysseus, dem Sohn des Laertes.

Odysseus hatte das Orakel erhalten, er werde, wenn er gegen

Troja gezogen sei, nach zwanzig Jahren ohne Gefährten,

allein und arm nach Hause zurückkehren.«

Palamedes:

Erlaubt ihr mir an dieser Stelle einen Kommentar?

Sokrates:

We are listening.

Palamedes:

Great. Thank you so much!

Hyginus wrote in Latin: »post vicesimum annum solum

sociis perditis egentem domum rediturum.«

Stellt euch dies vor: Zehn Jahre Teilnahme am Krieg, danach zwanzig Jahre Lebensverlust, umhergetrieben auf den Meeren, alle Gefährten tot, er selbst, ein Seeräuber, der er war1 mit vielen anderen seiner Freunde und Feinde, die gern vom Raub lebten, kam völlig verarmt zu seinem Besitz auf Ithaka zurück.

Orakel sagten damals im Unterschied zur heutigen Blindheit der Zukunftsidioten (genauer: Zukunftsidio-toten?) die Wahrheit. Man denke bei dieser Gelegenheit an jenen unglückseligen Ödipus. Der nämlich, sollte, durchbohrt an den Füßen, als Säugling ausgesetzt werden im Gebirge. Doch er fand einen mitleidigen Hirten und wuchs als Königssohn in Korinth auf, bis man ihm eines Tages vorwarf, er sei kein Prinz, sondern ein verlorenes Wesen. Voller Ungewissheit und bereits verzweifelt und bedroht um den Verlust der eigenen Identität, befragte Ödipus das Orakel. Der Pasolini-Film Edipo Re zeigt es in seiner finsteren Mischung aus Abgrund und Komik. Anstatt den Ödipus zu trösten, sagte dieses Orakel ihm voraus: Er werde seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten.

Als er dies später las, platzte Sigmund Freud symbolisch das Herz und er schrieb mit Blut oder mit roter Tinte seine Version der männlichen Jugend als ödipales Geschehen nieder. »Sein Schicksal«, so Sigmund Freud, »ergreift uns nur darum, weil es auch das unsrige hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns verhängt hat wie über ihn.«2 Ein Märchen, das unwahrer war als das Schicksal des sich im Schrei seiner Verfehlungen die Augen ausstechenden Ödipus. Ödipus nämlich wurde später bei Sophokles von den Göttern verklärt und fand Eingang in das todferne Reich der Unsterblichen. Doch der wahre, lautlose Ödipus, er trat hinter der lauten Ödipuso-Lyse zurück.

Sokrates:

Ödipuso-Lyse, köstlich. We like it!

Palamedes: Be silent for a moment, please.

Die Orakel waren zu evident, um ihnen nicht auszuweichen. Laios, der Vater des Ödipus, der selbst ein Krimineller war, war prophezeit worden, sein Sohn werde ihn töten. Deshalb wurde der Säugling Ödipus sogleich ins tödliche Gebirge entsorgt. Also erblickte Odysseus sein Schicksal im Spiegel-Oraklel des Trojanischen Krieges so heftig, dass er nichts wollte, als unter keinen Umständen in den Krieg zu ziehen. Zehn Jahre Krieg! Zwanzig Jahre Leben in der Flucht, kämpfend, knapp der Not entkommend, die Gefährten verlierend, vereinsamt, verarmt. Was also tat er? Hyginus erzählt:

»Daher stellte er sich wahnsinnig, als er erfuhr, dass die Unterhändler kamen, setzte sich seine Filzkappe auf und spannte ein Pferd zusammen mit einem Ochsen an den Pflug.«

Sokrates:

Was geschah dann? Erzähle! Spanne uns nicht auf die Folter!

Palamedes:

Hyginus fährt fort:

»Daher stellte er sich wahnsinnig (insaniam simulans), als er erfuhr, dass die Unterhändler kamen, setzte er eine Filzkappe auf und spannte ein Pferd zusammen mit einem Ochsen an den Pflug. Als Palamedes ihn dah, bemerkte er, dass er sich verstellte (simulare). Er hob Odysseus`Sohn Telemach aus der Wiege, legte ihn vor den Pflug und sagte: »Gib die Verstellung auf und komm zu den Verbündeten!« Da gab Odysseus sein Wort, dass er kommen werde. Seitdem war er Palamedes feindlich gesinnt.«

Tiepolo malte diesen Moment: Odysseus, der Säugling und der Königssohn Palamedes mit Begleiter im Augenblick der Enttarnung.

[Tiepolo-Gemälde]

Mitarbeiter:

Da kommt Odysseus. Odysseus, wir wissen von deiner Feindschaft gegenüber Palamedes. Du hast ihn getäuscht. Warum wolltest du ihm Übles, obwohl er lediglich deine Verstellung aufdeckte?

Odysseus:

Viel ist die Wahrheit und wenig unsere Lüge. Da uns Wahrheit als fruchtbares Feld ohne Eigentümer offensteht, pflanzen wir die Lüge an und essen ihre Früchte. So vergiften wir uns. Wer dies nicht für wahr hält, dass auch er selbst im Durchschnitt zweimal täglich lügt, der ist ein wahrer Lügner. Er beginnt zu husten.

Sokrates:

Wir legen jetzt eine Pause ein?

Alle stimmen zu.

1 Vgl. Heidrun Derks, Gefahr auf See – Piraten in der Antike. In: Antike Welt. Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte 2/2016. 8-11. Philip vom Zabern: Darmstadt

2 S. Freud 2005: Die Traumdeutung. Fischer: Frankfurt, 270.

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