Die Verwendung von Ding im Deutschen

Die Verwendung von Ding im Deutschen

Ding ist das im Deutschen am meisten verwendete Wort für eine Sache, die nicht näher bezeichnet wird. Es wird gesprochen von Dingen, die man gehört hat, von Dingen, die einem durch den Kopf gehen, von Dingen, die sich ereignen werden, von Dingen, an die man sich erinnert oder die man erwartet, von Dingen, die man ablehnt oder die man befürwortet.

Wie kommt es zur inflationären Häufigkeit dieser Verwendung? Vermutlich werden wir von zwei Motiven bestimmt. Das eine könnte eine Bequemlichkeit sein, so dass wir, statt von Erscheinungen oder von Phänomenen zu sprechen, das Allerweltswort Ding verwenden. Zugleich könnten wir der Ansicht sein, mit Ding die Wirklichkeit selbst zu betasten. Wir verhalten uns dann bezeichnungsbequem und sind zugleich der seltsamen Ansicht, dass wir die Grenze unserer Sprache verlassen und Objekte der Welt außer uns zu berühren in der Lage sind. Die Bequemlichkeit der Bezeichnung verleitet uns zu der Ansicht, dass wir die Sprache eigentlich in dieser Hinsicht nicht brauchten. Wir glauben uns sprachbequem und gleichzeitig wirklichkeitsnah.

Die antiken Sprachen Griechisch und Latein verfügten über eigene Wörter für Ding. Die Griechen verwendeten to pragma, um Tun, Tat, Ding, Wirklichkeit oder Staatsangelegenheit auszudrücken. (Die Bezeichnung Pragmatismus, die politische Einfallslosigkeit ausdrückt, geht darauf zurück, und ebenso die philosophische Konzeption, die die Verwendung von Wahrheit nach deren Nutzen bestimmt, geht auf to pragma zurück.). Die Römer sagten res und meinten damit Ähnliches wie die Griechen und fügten zwei Bestimmungen hinzu, nämlich teils Universum, teils Grund und Ursache.

Im Unterschied zum Deutschen weist das Englische, Französische und Italienische einen grammatikalisch unvermeidlichen Ding-Bezug auf. Ein Apparat, der etwas wäscht, heißt im Englischen a machine washing things. Im Französischen heißt etwas: quelque chose (wörtlich „ein gewisses Ding“). Im Italienischen heißt was? : che cosa ? („welches Ding?“).

Die deutsche Bequemlichkeit führte im älteren Deutsch dazu, dass mit Ding auch Genital oder Koitus bezeichnet werden konnte. Ebenso konnte im Deutschen mit die letzten Dinge Auferstehung der Toten und das Weltgericht bezeichnet werden.

Philosophische Originalität beansprucht Immanuel Kant mit seiner Vorstellung von Dingen an sich oder vom Ding an sich, verstanden als Gedanken-Dinge, die wir voraussetzen müssen, aber nicht zu erkennen vermögen. Ein Ding an sich ist deshalb eine metaphorische Bezeichnung. Seine gesamte Kritik der reinen Vernunft dreht sich daher um genau diese Voraussetzung: „Während die Metaphysik darauf angelegt und angewiesen bleibt, dass außerhalb ihrer ein sie Fundierendes sei, verabschiedet Kant diese Angewiesenheit. Dies ist aber nur dann möglich, wenn die Reichweite des philosophischen Diskurses effektiv begrenzt wird. Nun entsteht, wie Kant weiß, auf diese Weise die Gefahr einer Ersetzung der dogmatischen Vernunfterweiterung der Metaphysik durch eine dogmatische Vernunftrestriktion der Transzendentalphilosophie. Wenn es jedoch gelänge, die Begrenzung der Reichweite der Philosophie mit einer metaphorischen Öffnung widerspruchsfrei zu verbinden, so ergäbe sich in der Tat eine nicht-dogmatische Alternative zur Metaphysik“ (Taureck 2004, 258).

In der Dichtung wird Ding an einer einzigen Stelle schöpferisch genutzt. Jeder kennt den Vierzeiler des Romantikers von Joseph von Eichendorff (1788-1857), den er als gereifter Poet mit fünfzig Jahren verfasste:

Wünschelrute
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Dass ein Lied in allen Dingen schläft, meint mit Dingen nicht die unbestimmte Beschaffenheit irgendwelcher Gegenstände. Dinge meinen vielmehr das Sein des Weltbestandes, die so lange träumend bestehen, bis das dichterische Wort sie mit der Magie seiner Sprache zum Singen erweckt hat.

Rubrik: Bezug, der auch vermieden werden kann.

Alternativen: Statt Ding: Erscheinung, Phänomen, Objekt.

Literatur

Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, Mannheim u. a. 1976. 537f.

J. Grimm/ Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Artikel ding, Band 2, Leipzig 1860, 1152-1169

B. H. F. Taureck, Metaphern und Gleichnisse in der Philosophie. Versuch einer kritischen Ikonologie der Philosophie, Frankfurt 2004

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