Ein anderer Begriff für »Ereignis«

Ein anderer Begriff für »Ereignis«

§1 Philosophen reden vielfach vom Ereignis. Darüber belehrt uns ein informativer Artikel 2019.1 Im Unterschied zu den dort beschriebenen Ansichten sei unter Ereignis hier etwas erheblich anderes verstanden: Ereignis ist die Weise, wie uns nicht-endliche Fragen begegnen.

§2 Nicht-endliche Fragen sind unerschöpflich: Keine Person ist der Lage, erschöpfend zu beantworten, wer oder was er sei. Keine Kultur vermag erschöpfend zu beantworten, zu welchem Zweck Menschen existieren. Nicht-endliche Fragen (in der Antike nannte man sie questiones infinitae) stellen sich uns: Wir werden gefragt, und sind insofern passiv. Indem wir antworten, setzen wir das Ereignis fort.

Das geschah zum Beispiel auch in jener beklemmenden Frage, die Hadrian am seinem Totenbett sich richtete: Wohin werde nunmehr seine Seele gehen?

§3 Bisher geschah Geschichte in Imperativen, welche die Religionen wollten (glaube x, glaube y nicht!). Die Denker haben versucht, darauf mit Propositionen (x ist der Fall, x ist nicht der Fall) zu antworten. Das führte zu einem Kampf, den in der Antike die Denker gewannen und der in der christlichen Zeit verloren wurde mit dem Resultat einer gegenseitigen Verwüstung von Ansprüchen des Glaubens und des Wissens, der mit dem Namen »Nihilismus« bezeichnet wird, ein sprachliches Zahlungsmittel, dessen Zeit inzwischen abgelaufen scheint.

§4 Was die Menschen dagegen sowohl vor dem religiösen Imperativismus wie vor dem philosophischen Propositionalismus bewahren könnte, ist ein bisher unbedachtes Paradigma, nämlich das Rogativparadigma.

§5 Ereignisse unterbrechen ereignislose Zeiten, die dadurch gekennzeichnet sind, dass man Antworten auf Fragen zu leben versucht, die keine Fraglichkeit mehr besitzen. Eine ereignislose Zeit ist in diesem Sinne eine Periode, die durch die Zunahme des Bruttoinlandsproduktes bestimmt wird. Fragen, ob dieses Bruttoinlandsprodukt zunehmen solle, oder ob diese Zunahme sinnvoll ist, gelten in dieser Zeit als beantwortet und sie zu stellen wäre sinnlos und absurd. Ebenso ist es in ereignisloser Zeit sinnlos und absurd zu fragen, ob eine Supermacht alle anderen Länder hegemonial lenken, führen und zur Not beherrschen kann.

§ 6 Ereignislose Zeiten werden durch Fragen abgelöst, ob es sinnvoll sei, die fraglosen Zeiten nicht zu bezweifeln: Inwiefern muss das Bruttoinlandsprodukt zunehmen? Inwiefern hat eine Supermacht das hegemoniale Recht über andere Staaten? Anlass für diese Fragen können sowohl unlösbare Nebenfolgen wie unerwartete, scheinbar von außen kommende Störungen bieten.

§7 In diesem Sinn bilden die beiden Fragen (1) ob der Kapitalismus der USA im Zuge der Covid19-Pandemie sich nicht eher in Kapitulismus wandelt und ob (2) die bisher ungelöste Diskriminierung der schwarzen US-Bevölkerung, zusammen mit der Bewaffnung der Bevölkerung, nicht zu Akten von internen »civil wars« führt. Daher entsteht zugleich die Frage (3), ob mit einem Niedergang der USA nicht ein unumkehrbarer Aufstieg Chinas einsetzt.

§8 Brechen die Anzeichen eines Rogativparadigmas in eine ereignislosen Zeit ein, so ist zu erwarten, dass die altbewährten religiös-imperativischen und die philosophisch-propositionalen Antworten gewaltsam wiederholt werden. Die Einkehr der Fraglichkeit wird dadurch jedoch nicht unterdrückt werden können.

§9 Wollte das Imperativparadigma der Zukunft Befehle diktieren, so entzieht das Rogativparadigma diesem Zugriff seine Gültigkeit.

1 A. Hetzel 2019, Ereignis. In: Radikale Demokratietheorie. Ein Handbuch hrsg, D. Comtesse und anderen. Berlin 2019, 513-524.

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