Ein theologischer Skandalsatz

Ein theologischer Skandalsatz

Vielleicht könnte es der Fall sein, dass Theologie inzwischen (nach dem Ende der Metaphysik) zu einem Konditionalsatz neigt, der die Welt von allen Übeln befreien soll. Es handelt sich um einen Skandalsatz, bei dem es letztlich gleichgültig ist, wer ihn äußerte. Er lautet: »Wenn der Mensch grundsätzlich annimmt und begreift, dass ihm seine endlichkeitsbedingten Selbstverfehlungen absolut verziehen sind, kann er die rechtende und rechnende Theodizee-Spekulation hinter sich lassen.« 

Das unauflösliche Theodizee-Dilemma, dass die Gottheit entweder die Übel der Welt nicht zu ändern vermag, womit seine Allmacht hinfällig wird, oder dass er sie nicht ändern will, womit er aufhört, allgütig zu sein, soll auf diese Weise mittels einer petitio principii behoben sein. Das Prinzip einer ontologisch automatisch verzeihenden Gottheit war selbst dem Metaphysiker Leibniz, für den Gott sein All allseitig optimal einrichtete, nicht in den Sinn gekommen. Woher könnte es nur stammen?

Die Gottheit verzeiht alle moralischen Verfehlungen des Menschen. Dieses Verzeihen soll ontologisch sein: Wann, wo, wie und durch wen andere absichtlich zu Schaden kommen, ist bereits verziehen, sobald es aufkommt. Gott braucht sich nicht zu rechtfertigen, denn die Übel gibt es insofern nicht, als ihr ontologischer Status ihre eigene Aufhebung besagt. Die Macht und die Güte Gottes lassen gar kein Übel zu. Insofern bedeutet »verzeihen« nicht einen Akt einer Person, die sich gleichwohl an das Geschehen erinnert, sondern »verzeihen« meint »ungeschehen machen.«

Doch diese Bedeutung ist mit »verzeihen« nicht kompatibel. »Verzeihen« bedeutet ein Verhalten einer Person 1, dass das Verhalten V einer Person 2, das absichtlich Person 1 schadete, künftig nicht mehr zählt, wobei die Erinnerung an V sehr wohl von Person 1 bestehen bleibt, ohne jedoch einen Grund darzustellen, von P 2 eine Wiedergutmachtung zu verlangen. Verzeihen ist also ein Akt des Wiedergutmachungsverzichtes, nicht jedoch des Ungeschehenmachens.

Nun soll in dem theologischen Skandalsatz das Verzeihen insofern nicht auf psychologischer Ebene erfolgen, sondern auf theologischer. Dafür sorgt das Adverb »absolut.« Menschliche Verfehlungen sind unbedingt verziehen. Sie werden es nicht, sondern sie sind es. Vermutlich liegt Theologen etwas an der Erzeugung von Skandalen, denn sie war ja als Skandalerzeugung ursprünglich aufgetreten: »Der gekreuzigte Christus, für die Christen ein Skandal (skándalon), für die Heiden eine Torheit« (Paulus, Kor. 1. 23). Doch der christliche Skandal ärgert niemanden mehr. Er fällt nicht auf.

Wem ähnelt ein ungeschehenmachendes Verzeihen, sofern es vom Verzeihen als Wiedergutmachungsverzicht verschieden ist? Es gibt vermutlich nur eine Antwort: Die Theologie ähnelt der Invisible-Hand-Erklärung des Marktes, bei der jeder Teilnehmer sich individuell am Gemeinwohl verschuldet und gleichwohl an dessen Zustandekommen beteiligt ist. Gott entspricht im Automatismus seines Verzeihens dem Automatismus der Herstellung von Gemeinwohl, indem dieses alle Verstöße zur Selbsterhaltung in sich transformiert. 

Dass die Gottheit das Übel in Gemeinwohl umwandelt, erscheint einmal in John Miltons Epos Paradise Lost von 1667, tritt sonst aber nirgends als Motiv auf. Dort nämlich spricht gegen Ende Adam die an die Gottheit gerichteten Verse:

O unermessne, grenzenlose Güte,

Die all dies Heil aus Bösem schafft und Böses

Zum Guten wendet

(O goodness infinite, goodness immense!

That all this good of evil shall produce,

And evil turn to good (12. Buch von Miltons Paradise Lost, Verse 469 ff).

In der Tat hat Miltons Gedicht den Sündenfall, den Aufstand des Satans und die spätere Erlösung der Menschen durch Christus zum Gegenstand. Indem Milton in einer Art Alchemie das Böse in allgemeingültig Wohltätiges verwandelt, zeigt er den theologischen Ursprung jener Rationalität des Marktes, der erst später bei Mandeville aus privaten Lastern das Allgemeinwohl oder über unternehmerischen Eigennutz das Gemeinwohl bei Adam Smith entstehen lässt.

Wenn heutige Theologie tendenziell auf einen göttlichen Automatismus absoluten Verzeihens aller Verfehlungen hinausläuft, so soll dies auch vermutlich eschatologisch gelten: Wenn die Welt in eine Existenzkrise gerät und der Fortbestand der Menschengattung nicht mehr gesichert erscheint, werden die Menschen auch dann Gegenstand eines absoluten Verzeihens sein. Der theologische Vorschlag, der auch als Meisterung einer Krise zu lesen ist, ist doppelt unglaubwürdig. Er meistert das semantische Dilemma des Verzeihens nicht, und er bagatellisiert menschliche Bösartigkeit. Wenn Verzeihen ein Automatismus ist, dann ist er kein frei entschiedener Akt. Wenn Verzeihen ein frei entschiedener Akt ist, dann ist er kein Automatismus. Das absolute Verzeihen bagatellisiert außerdem menschliche Bösartigkeit. Insbesondere die Vorbereitung eines Atomkriegs, der sich defensiv rechtfertigt und der, anstatt der ethisch gebotenen Förderung der Daseinsvoraussetzungen aller Menschen auf deren Massenvernichtung zielt, darf ethisch nicht Gegenstand eines unbedingten Verzeihens sein.

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