Inwiefern die USA sich nach wie vor halbstark verhalten

Inwiefern die USA sich nach wie vor halbstark verhalten

Teil 2 der Serie »Atomkrieg aus Versehen«

So weit ein begründeter Vorschlag, einem thermonuklearen Inferno durch eine internationale Deaktivierung der Atomwaffen zu entgehen. Dieser Vorschlag klammert allerdings methodisch aus, dass die strategische Planung in den Vereinigten Staaten auf Konfrontation hinausläuft. Leider ist in Europa noch immer zu wenig bekannt, wie diese atomare Aggressivität begründet wird.

Um daher zu verdeutlichen, wie seitens eines US-amerikanischen Politikwissenschaftlers die faktisch bestehende zwischenstaatliche Anarchie genutzt wird, sei auf eine Neuerscheinung in den USA hingewiesen. Es geht um den Beweis, dass durch Aussicht auf Sieg in einem thermonuklearen Krieg Vorteile für den Sieger entworfen werden können. Dies geschieht 2018 in dem Buch The Logic of American Nuclear Strategy. Why Strategic Superioty Matters des Politikwissenschaftlers Matthew Koenig. Kroenig schlägt mittels einer unmissverständlich klaren Sprache eine nukleare Theorie als Synthese einer Überlegenheits-Risikopolitik vor (superiority-brinkmanship theory). Ein Vorteil dieser nuklearen Überlegenheitsposition bestehe für die Vereinigten Staaten zum Beispiel darin, bei nuklearen Krisen als Gewinner hervorzugehen. »Sieg« definiert er dabei als Erreichen der eigenen Ziele. Als prominentes Beispiel dient ihm dabei der Ausgang der Kubakrise im Oktober 1962. Aus ihr gingen die USA als Sieger hervor, »weil sie ihr basales Ziel erreichten, dass die Sowjetunion ihre Raketen von Kuba abzog.«1 Obwohl seit langem eine Art Konsens darüber besteht, dass der Ausgang der Kuba-Krise keinesfalls als strategischer US-Sieg zu bewerten ist, arbeitet Kroenig mit einem falschen Input. Aus Falschem lässt sich jedoch nichts Zutreffendes folgern. Es entsteht deshalb der Verdacht, dass Kroenigs »superiority-brinkmanship theory« eine nuklearstrategische Ideologie produziert, die jedoch in den Vereinigten Staaten, die seit 2018 auf Cyberangriffe atomar zu reagieren erlaubt, als willkommen gilt.

Kroenigs Behauptung, in der Kuba-Krise seien die USA als Sieger hervorgegangen, wird durch verschiedene Vorgänge falsifiziert. Die Sowjetunion suchte eine Sicherheitsgarantie für Kuba. Die USA sollten bindend zusichern, Kuba niemals militärisch anzugreifen. Genau diese Garantie resultierte aus der Kubakrise. Insofern siegte die Sowjetunion in der Kubakrise. Die Sowjets verfolgten noch ein zweites Ziel, nämlich den Ausgleich ihrer damaligen nuklearstrategischen Unterlegenheit gegenüber Amerika durch Atomwaffen auf Kuba auszugleichen, die im Fall eines Krieges 80 Millionen US-Bürger töten würde.2 Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Wenn Kroenig sich ausschließlich auf diesen Umstand bezieht, so bekäme er Recht. Das gilt jedoch lediglich für eine selektive, von allen Kontexten der Krise absehende Bewertung. Denn die Sowjets verlangten noch ein zweites Verhalten, welches ohne Kubanische Krise als unerreichbar galt: Die Amerikaner sollten ihre Jupiter-Atomraketen aus der Türkei abziehen. Das taten sie auch, ohne dass dies jedoch zunächst öffentlich wurde und damit die Kennedy-Regierung die Lösung der Kuba-Krise innenpolitisch als deren Erfolg verkaufen konnte.3

Mit der Kuba-Krise hingen noch zwei Erscheinungen zusammen, die von dem ideologischen Beweisziel eines US-Sieges seither in der Hintergrund gedrängt werden. Zum einen wäre der bis dahin Kalte Krieg um Haaresbreite zu einem heißen Krieg geworden. Zum anderen gehörten zu den verhältnismäßig wohltätigen geostrategischen Folgen eine Schaffung von Voraussetzungen der regulierten Entspannung der bipolaren Supermächte. Der Abschuss eines sowjetischen Atomtorpedos von deren Unterseeboot B-59 vor Kuba scheiterte am Veto eines einzigen Offiziers namens Wassilli Alexandrowitsch Archipow. Er zeigte in letzter Sekunde jene Besonnenheit, die damals die Menschheit vor einer atomaren Verbrennung bewahrte. Diese Besonnenheit war jedoch nicht Folge der US-amerikanischen Überlegenheit, wie uns Kroenig mittelbar nahelegen möchte. Während die US-Militärs Kennedy zu einer Bombardierung der Insel drängten, wählte dieser das weniger aggressive Mittel einer Seeblockade. Als die Krise beendet war, die Raketen abgezogen und vor allem die zwei sowjetischen Bedingungen – Nichtangriffsgarantie gegenüber Kuba und Abzug der amerikanischen Jupiter-Raketen aus der Türkei – erfüllt waren, entstanden eine Reihe von Formen regulierter Entspannung. Erstens ging die Letztentscheidung über den Atomwaffeneinsatz vom Militär auf den Präsidenten über. Ab 1968 galt dies auch für die Sowjetunion. Zweitens wurde zwischen Moskau und Washington eine telefonische »Hot line« eingerichtet. Drittens begann man damit, die oberirdischen Atomtests zu beenden und den Menschen damit ein permanentes Tschernobyl zu ersparen.

Es folgt aus dem bisher aussagekräftigsten Beispiel der geostrategischen atomaren Konfrontation, dass atomare Hyperrüstung nicht jenen unblutigen Sieg der größeren Atomstaatsmacht über die geringer bewaffnete bewirkt. Vielmehr zeigen die drei Folgerungen zumindest in der Tendenz die Richtung einer nuklearen Deaktivierung an. Die nukleare Letztentscheidung liegt nicht mehr beim Militär, das im Fall Kubas 1962 sofort bombardiert hätte, sondern bei den politischen Entscheidern, denen mehr Besonnenheit zugemutet wird. Die politische Kommunikation wird einem Schema von Angriff und Verteidigung vorgeordnet. Und die lebensbedrohlichen oberirdischen Atomtests werden beendet. Der Widerspruch einer Drohung mit atomarer Vernichtung bleibt auf diese Weise leider nach wie vor bestehen. Dafür zeigt sich jedoch der Beginn eines politischen Lernprozesses atomar verfeindeter Supermächte.

Matthew Kroening übersieht diese drei geostrategischen Vorteile der Kubakrise vollständig. Mit der Kubakrise wäre um Haaresbreite aus dem Oxymoron des kalten Krieges ein heißer, die menschliche Zivilisation vermutlich auslöschender Krieg geworden. Die dreifachen einvernehmlichen Konsequenzen der Konfliktparteien – die Vorordnung der Politik vor den stets uneinsichtigen Militärs, die Einrichtung eines technisch jederzeit verfügbaren Kommunikationskanals und das Ende der für die Menschheit auf Dauer lebensbedrohlichen oberirdischen Atombombenversuche – werden von Kroenig vollständig ignoriert, dem es einzig um eine Bestätigung seiner These geht, dass mithilfe atomarer Stärke der Gegner zu Konzessionen gezwungen werden muss, die er ohne eine fremde übermächtige Drohung nicht erbracht hätte. Kroenig arbeitet daher mit dem Mittel grobschlächtiger Geschichtsklitterung, die sein gesamtes Buch theoretisch unbrauchbar werden lässt. Die Tatsache jedoch, dass diese Studie zugleich auf fruchtbaren Boden nicht nur bei den US-Militärs, sondern ebenso bei Theoretikern der Politik stößt (vgl. die fünf auf der Rückseite des Buches abgedruckten Reaktionen), zeigt in beängstigender Weise eine Abkehr von einer rational begründeten Tendenz zu einer globalstrategischen Denuklearisierung und hin zu einem immer riskanteren Spiel mit dem nuklearen Feuer.

Kroenings Argumentation setzt das Fortdauern einer internationalen Anarchie voraus und glaubt auf deren Grundlage Vorteile für eine wirksame Asymmetrie des drohenden Staates zu konstruieren. Seine Argumentation ruht auf dem Schluss:

(1) Wenn ein Staat S atomar übermächtig ist, dann vermag er jeden anderen Staat zu Konzessionen zwingen, die er von sich aus nicht eingeräumt hätte.

(2) Ein Staat ist atomar übermächtig.

(3) Also es vermag der Staat S jeden anderen Staat zu Konzessionen zwingen, die er von sich aus nicht eingeräumt hätte.

Dieser Modus-ponendo-ponens-Schluss erinnert an das gewalttätige Verhalten jener »Halbstarken« in Europa 1956, die man damals für »schlimmer als die Atombombe« hielt.4 In der Tat verschlimmert Kroenig und die, die ihm folgen möchten, eine atomare Globalstrategie in Richtung von destruktivem Nihilismus. Der rekonstruierte Syllogismus ist analytisch korrekt. Doch er verbirgt ein Problem, das allenfalls erst beim dritten Lesen deutlich werden könnte. Der Syllogismus benötigt an zwei Stellen einen Irrealis in Gestalt des Konjunktivs des Verbs »hätte.« Infolge der Drohungen von S ist der schwächere Staat zu Konzessionen bereit, »die er von sich aus nicht eingeräumt hätte.« Mit dem »hätte« sagt man etwas über etwas aus, von dem man weder weiß noch wissen kann, wie es sich wirklich verhält. Das irreale hätte kann daher Verschiedenes aussagen: 1. Der andere Staat war in der Lage, sich mit S zu einigen, ohne bedroht zu werden. Dieser andersartige, diplomatische Umgang wird von Kroenig jedoch ausgeschlossen. 2. Der andere Staat folgt bedingungslos der atomaren Drohung von S. Dies ist eine Annahme Kroenigs, welche auf den Eigenerfolg von S setzt und ein Resultat vorwegnimmt, das automatisch eintreten wird. Obwohl Kroenig diese 2. Möglichkeit annimmt, erscheint diese eher unwahrscheinlich bis irreal. Eher ist eine 3. Möglichkeit wahrscheinlich: Der andere Staat knüpft seine Konzessionen an Bedingungen, die für S schmerzlich sind wie etwa der erwähnte Abzug US-amerikanischer Jupiter-Raketen aus der Türkei. Ebenso wahrscheinlich ist die Möglichkeit 4: Der atomar bedrohte Staat widersetzt sich atomar. Wie bekannt, bereite sich ein sowjetisches Atomunterseeboot auf den Abschuss von Atomwaffen vor, als ein einziges Veto jenes Offiziers Archipow dies in letzter Sekunde verhindert hätte.

Mit anderen Worten: Kroenig spielt mit atomarem Feuer, indem er die in jenem »hätte« verborgene friedliche (1.) oder die aggressiven Antworten (3. und 4.) ausblendet und sie durch die 2. Möglichkeit ersetzt, die jedoch den Eigenerfolg automatisch und damit irreal als erfüllt voraussetzt.

Die Vorschläge Kroenigs finden im Verbund einer Änderung der US-atomaren Globalstrategie statt. Wie die Nuclear Posture Review 2018 zeigte, soll der Atomkrieg nunmehr außerhalb des Atomkrieges stattfinden. Es gehe darum, miniaturisierte Atomwaffen (W76-2) unterhalb der Atomkriegsschwelle einzusetzen. W76-2 definiert sich als »a small, tactical nuclear warhead designed to counter enemy tactical nuclear weapon.« Die Vermeidung eines Atomkriegs befindet sich in Wirklichkeit nicht außerhalb der Illusion, dass dieser nicht vermieden, sondern dass er durch jene verkleinerten Waffen erweitert wird. Der Atomkrieg hätte dann bereits begonnen, bevor er beginnen würde. Die umgekehrte und von den USA befürwortende Lesart erweckt den Verdacht, dass die Rüstungsindustrie auf Absatz von als harmlos deklarierter Atomwaffen setzt.

Literatur

Unter der Regie von K. H. Bläsius sammeln sich Aktivitäten unter: www.akav.de

Ferner: www.icanw.de

Weitere Literatur

Chronik des 20. Jahrhunderts, Dortmund 1988

M. Kroening, The Logic of American Nuclear Strategy. Why Strategic Superiority Matters, Oxford 2018

R. J. McMahon, The Cold War, Oxford 2003

B. H. F. Taureck, Drei Wurzeln des Krieges, und warum nur eine nicht nicht ins Verhängnis führt, Zug 2019

B. H. Taureck/ B.Liebsch, Drohung Krieg. Sechs philosophische Dialoge zur Gewalt der Gegenwart, Wien/Berlin 2020

1 Kroenig 2018, 68.

2 Vgl. McMahon 2003, 91.

3 McMahon 2003, 94.

4 Chronik des 20. Jahrhunderts 1988, 817.

Ein Gedanke zu „Inwiefern die USA sich nach wie vor halbstark verhalten

  • 16. November 2020 um 12:14 pm
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    Mit preventiver Kriegsfuehrung hat sich die USA als oberste kriegfuehrende Macht der Erde inthronisiert, indem sie die Welt glauben macht, diese Art des Vorgehens sei notwendig, um einen ultimativen Atomkrieg zu verhindern. Nun, die Welt glaubt zwar nicht mehr an Gott, aber an Amerika – und nimmt die totale Aufruestung des toedlichsten Waffenarsenals der Erde in Kauf, indem sie sich unter der ‚Beschirmung‘ der USA gewiegt und geborgen glaubt, waehrend diese (die USA zusammen mit jenen, denen sie gnaedigst die Erlaubnis erteilt) die Erde sozusagen nicht nur atomarisch (das kommt noch) sondern vorbereitend politisch aufspaltet. Vergessen wir nicht: Spaltholz brennt leichter als der ganze Stamm, sonst muesste man es nicht spalten…

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