Inwiefern Kultur systemrelevant ist

Nicht too big to fall, sondern too big to fail. Inwiefern Kultur systemrelevant ist

Englischsprachige Zeitgenossen sprechen von systematically relevant. Das Deutsche zieht beide Wörter elegant in ein einziges Adjektiv oder Adverb zusammen und sagt systemrelevant. Das Wort ist ein so genanntes Hybrid, es besteht aus einem griechischen und einem lateinischen Bestandteil, System und relevant. System meinte im Griechischen ein aus mehreren Komponenten zusammengesetztes Ganzes. Relevant kommt aus dem Lateinischen relevare, und besagt, dass eine Sache wieder aufgerichtet wird. Systemrelevant enthält daher die Bedeutung, dass etwas Ganzes so aufgerichtet wird, dass es eine ihm gebührende Bedeutung erlangt.

Sobald eingreifende Krisen auftreten, die sogar den Bestand von Gesellschaften gefährden, wird seit der Wirtschaftskrise von 2007 verstärkt von Systemrelevanz oder systemrelevant gesprochen. Wer oder was ist nunmehr systemrelevant? In der Covit-19-Pandemie zählen dazu die Bereiche Ernährung, Hygiene, Energie, Gesundheit, Grundversorgung, öffentliche Sicherheit. Hinzu kommt noch Kommunikation seitens der Medien. Wo jedoch bleiben die Phänomene desjenigen Bereiches, der auf lateinisch colere im Sinn von anbauen und bearbeiten meint, das heißt auf den Bereich einer Kultur der geistigen Aktivitäten?

Offenbar scheint in einer Pandemie Kultur systemirrelevant geworden zu sein. Wirklich? In der Wirtschaftskrise galt das Wort „to big to fall.“ Große Unternehmungen wie Banken seien zu groß, um zusammenzubrechen. Auf Kleines, auf kulturelle Erscheinungen dürfe man also verzichten, auf Großes dürfe dagegen nicht verzichtet werden. Reißt dort ein Glied der Kette, so reißt die gesamte Kette. Und System meint auch die Verzahnungen aller Kettenglieder.

Der Imperativ „too big to fall“ kommt jedoch im Grunde zu spät. Es kam zu Entscheidungen, die zum Beispiel Banken ins Maßlose wachsen ließen. Jetzt müsse das Große geschützt werden. Doch fehlbar war nicht das Maßlose, sondern die Entscheidungen, die dazu führten, dass es derartig Maßloses gab. Wie wäre es, wenn man den Slogan „too big to fall“ abänderte in „too big to fail“, zu groß, um zu scheitern? Dann nämlich leuchtete im Prozess der Entscheidung eine Warnlampe auf, die vor der Planung des Maßlosen warnt. Es darf nicht zur Entstehung von Maßlosem kommen. Entscheidungen jedoch sind und geschehen immateriell. Sie gehören, auch wenn man es ablehnt, zu jenem Bereich des vermeintlich Irrelevanten der Kultur. So dürfte eher gelten: Trotz wirtschaftlicher Not dürfte es Kultur sein, der es gelingen könnte, sich anders zu erfinden. Sie kann auf die Fülle von Einsichten zurückgreifen, welche Traditionen bereithalten, die auf die Stunde warten, der es gegeben wäre, sie mit bisher unbekanntem Leben zu erfüllen.

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