Komplex

Komplex

Dieses Adjektiv funktioniert als eine Art sprachlicher Schutzwall, um Unbefugten von der Aufklärung von Sachverhalten abzuhalten. Indem es seit der Finanzkrise 2008 jedoch auch für »Misswirtschaft« verwendet wird, entsteht der Verdacht, dass »komplex« als Schutzwort problematisch wird und sich auch als Tarnwort zeigt.

Komplex hat einen großen Teil seiner lateinischen Bedeutung beibehalten. Es meint: verwickelt, verflochten, verzweigt, zusammengesetzt, beziehungsreich. Im Lateinischen kamen noch Bedeutungen hinzu. Complexus bezeichnete auch Umarmung, Umschließung, auch Handgemenge oder die Verknüpfung von Redeteilen. Im Altgriechischen sagte man dýskritos und bezeichnete damit, dass etwas schwer zu unterscheiden und schwer zu entscheiden sei.

Im Deutschen meinen komplex und kompliziert nicht dasselbe. Kompliziert ist etwas, das nach einiger Anleitung verstanden werden kann. Komplex dagegen bleibt auch trotz Anleitung verwickelt. Im Unterschied zum deutschen Sprachgebrauch lässt das Englische und ebenso das Spanische und Französische auch zu, dass beide Adjektive bedeutungsgleich verwendet werden können. Auf diese Weise wird das Komplexe zu einer Unterart des Komplizierten. Das Verwickelte erscheint dann weniger verwickelt.

Im Deutschen dient komplex zu einer Unterscheidung teils zwischen Experten und Laien, teils zu einer Distinktion politischer Eliten vom beherrschten Volk. Was vormals als Herrschaftsgeheimnis (arcanum imperii) galt, wird mit der komplexen Materie, sei es der Bürokratie – laut Karl Barth ist »Bürokratie« der Ort, wo die »wirklichen Menschen […] zeitlebens unsichtbar bleiben«, Barth 1955, 50 –, sei es der Marktforschung, sei es des Steuerrechts, des Mietrechts, der Leistungsbewertung, der Evaluation, der Aufstiegschancen konfrontiert. Das Adjektiv komplex soll als Schutz dieser Materien vor unbefugtem Zugriff dienen.

Im Jahre 2008 der globalen Finanzkrise, als die Banken verlangten, von den Staaten mithilfe der Steuerzahler zur Fortsetzung ihrer schädigenden Praktiken gerettet zu werden, äußerte sich der damalige Notverwalter Axel Wieandt (er trat 2010 zurück) der Münchner Hypo Real Estate Bank: Diese Bank habe »in einer unzulässig komplexen Struktur gelebt« (Der Spiegel 6, 2009, S. 82). Die verstaatlichte Bank kostete die Bevölkerung 20,3 Milliarden Euro. Was der Vorstandsvorsitzende Wieandt mit seiner Verbindung aus unzulässig und komplex ausdrückte, stellte eine Entzauberung des Schutzwortes komplex dar. Komplex könnte nunmehr für »Misswirtschaft« stehen. Das moderne Äquivalent zum arcanum imperii könnte seinen Schutzcharakter verlieren und nunmehr ein enttarntes Tarnwort darstellen. Doch offenbar war der entzaubernde Sprachgebrauch nicht sonderlich willkommen.

In seiner 2019 erschienenen Autobiographie lässt Edward Snowden erkennen, dass die Verwendung von komplex inzwischen einen Zustand der objektiven Wirrnis des Digitalen erkennen. Es reicht daher, dieses Adjektiv oder Adverb rein deskriptiv zu verwenden, um daher diese Wirrnis zu bezeichnen: »Glücklicherweise war die Stärke dieser Systeme aber auch ihre Schwäche: Sie waren so komplex, dass nicht einmal diejenigen, die sie betrieben, zwangsläufig wussten, wie sie funktionierten. Eigentlich verstand sie niemand, wo sie sich überschnitten und wo sich ihre Lücken befanden« (Snowden 2019, 325).

Alternative: komplex durch kompliziert ersetzen.

Barth, K. 1955: Mensch und Mitmensch. Die Grundformen der Menschlichkeit. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen

Snowden, E. 2019: Permanent Record. Meine Geschichte. S. Fischer: Frankfurt

Taureck, B. H. F. 2010: Gleichheit für Fortgeschrittene. Jenseits von »Gier« und »Neid.« Fink: München, S. 26-27

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