Notizen zu Fang Fangs Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt.

Notizen zu Fang Fangs Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt.

Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann. Hoffmann und Campe: Hamburg 2020

Inzwischen erscheinen international zahlreiche Bücher zum Thema der Pandemie des Coronavirus. Wie ich Ende Juni erfuhr, sollen im Herbstprogramm deutschsprachiger Verlage über fünfzig Buchtitel (!) zum Pandemie-Ereignis publiziert werden. Rechnet man damit, dass die Pandemie die Aufmerksamkeit verliert und dass Virus-Publikationen das Interesse mehr als die Seuche anziehen? Gewiss, Verlage benötigen Geld. Aber dass ein Publikations-Boom die All-Seuche verdrängt, ist nicht zu erwarten. Eine uralte und vergessene Erfahrung kommt auf uns zu, eine Konfrontation mit dem Schicksal. „Wer dem Gesetz schadet, fürchtet es. Wer jedoch unschuldig ist, fürchtet das Schicksal“, schrieb in der römischen Antike Publilius Syrus.

Es gibt im Westen Vorurteile nicht nur gegen Menschen mit schwarzer, sondern auch mit gelber Hautfarbe. Man dürfe diesen Menschen nicht trauen. Sie seien allesamt falsch. Leider ist diese Art des Vorurteils verbreiteter, als man gewöhnlich einräumt und führt in der Öffentlichkeit zu Zweifeln, dass alles, was speziell aus China an Zahlen über deren Umgang mit der Covid-19-Epidemie bei uns erscheint, gelogen und geschönt sei. Nur der Westen, so hier der mediale Konsens, sei der Wahrheit verpflichtet. China dagegen äußere nur dann etwas, wenn es andere täuschen will.

Und außerdem China: Ist das nicht eine Diktatur? Marx sah keine »Diktatur des Proletariats« als Zustand vor dem Kommunismus vor. Er sprach vielmehr von einer »revolutionären« Diktatur des Proletariats. Leider wird, auch in der Literatur, die Marx bestätigt, ausgerechnet dieses Adjektiv »revolutionär« fortgelassen.1 Bei Bei Marx ist somit die Diktatur eine Funktion der Revolution und nicht die Revolution Ausdruck von Diktatur. Damit ändert sich auch das Wertungssystem der Beurteilung Chinas. Auch das chinesische Herrschaftssystem einer Diktatur versteht sich selbst als revolutionärer Zwischenschritt zu einer weitgehend klassenfreien Gesellschaft. Somit zu einem Schritt fort von einer Gesellschaft, in welcher der eigene Erfolg von anderen Faktoren als von den eigenen Bildungsfähigkeiten abhängt. Dass auch und mit erheblich präziseren Argumentlinien in China im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts das Für und Wider des Neoliberaismus diskutiert wird, belegt zum Beispiel ein Aufsatz von Wang Hui.2 Dieses Herrschaftssystem muss daher auch an diesem seinem eigenen Anspruch gemessen werden. Auch gegenüber einer »revolutionären Diktatur des Proletariats« kann, wird und soll es begründete Kritik geben.

Und in eben diesem Sinn zeigt das chinesische System eine erhebliche Fehlbarkeit, wenn der Autorin Fang Fang wegen ihres Pandemie-Tagebuches »Verrat« und Agententum gegenüber dem Westen vorgehalten wird. Ihre Kritik an der chinesischen Acht-und Verantwortungslosigkeit im Umgang mit der Pandemie (S. 9) geht nämlich gleich zu Beginn einher mit ihrer Bekräftigung, dass in China öffentliches Wohl auch als solches durchgesetzt werde: Dort weiß nämlich jeder, »dass in China sämtliche Kräfte mobilisiert werden, wenn der Staat auf nationaler Ebene die Sache in die Hand nimmt« (S. 10). Trotzdem beansprucht China inzwischen, in der Pandemie alles ausnahmslos richtig gemacht zu haben. Das erscheint nicht als Ausdruck eines Lernprozesses, sondern drückt Lernverweigerung aus. Zugleich gilt Staatslüge nicht allein von der Volksrepublik China. Für die USA gilt es fast schon als selbstverständlich, dass der Staat Lügen verbreitet. Als Anfang Juni 2020 in den USA die Zahl der Arbeitslosen von 14, 7 auf 13,3 Prozent sank, vermutete der Nobelpreisträger Paul Krugman, es handele sich um Manipulation. Dass er sich dafür entschuldigte, mag einer reflexartigen Spiegelung des chinesischen Verhaltens entsprechen.

Einst hatte Augustinus geurteilt, alle Staaten seien Räuberbanden, heilig seien nur die Heiligen, die am Ende das Weltgericht überleben werden. Dieser einst metaphysische Manichäismus wurde mit der globalen Führungsmacht »United States of America« mit moralischen Doppelstandards zu einem politischen Manichäismus, den die vollständig unmusikalischen USA mit Primitivmelodien wie »Reich des Bösen«, »rogue states« oder »axis of evil« plump zu begleiten versuchten. Ähnlich erging es auch in dieser Pandemie.

China wurde als autoritärer Staat verurteilt, der eine ganze Stadt abriegelt. Bis man bemerkte, dass eine Angleichung an das chinesische Modell unausweichlich war, außer in den Vereinigten Staaten, wo ein privatisiertes Gesundheitssystem für eine steigende Opferzahl der nicht-weißen Bevölkerung sorgte. Es war im 19. Jahrhundert der in Europa unkritisch gelobte Thoreau, der den Vereinigten Staaten jene globale Rolle zusprach, die sie nach 1945 verhängnisvoll werden ließ, nämlich die Rolle eines »new Rome in the West.«3

Es ließe sich noch vieles aus Fang Fangs betroffener Schilderung lernen. Jeder, der sich mit dieser Pandemie beschäftigt, sollte sich an diesen primären Umgang mit ihr in jener Stadt Wuhan erinnern, die im Westen lediglich ein Name war, aber kein bloßer Name bleiben sollte. Was weiß man im Westen schon über China?

Als ich neulich mit einem chinesischen Mathematiker in Vancouver über die chinesische Kultur in einer Telefonkonferenz sprach und ihn nach Hong Xiuquang fragte, wusste er sofort Bescheid. Es handelt sich um jenen „Kaiser“, der im Taiping-Aufstand zwischen 1851 und 1864 Nanking eroberte und seinem Herrschaftsgebiet Züge gab, die im Westen als utopisch gelten: Mehr Frauenrechte, Verbot von Alkohol, Opium und Prostitution, Ablehnung des Privateigentums. Hong Xiuquan hielt sich zwar für den Bruder von Jesus und schuf dennoch die Grundlagen einer Souveränität, die Ernst Bloch als „mystische Demokratie“ bezeichnete, wobei er sich auf jenen mittelalterlichen Visionär Joachim von Floris bezog, der für die künftige Kirche eine Transformation in ein Reich des Geistes voraussagte, das keiner Priester mehr bedürfe.4 Zwar wurde der Taiping-Aufstand am Ende Opfer des zweiten britischen Opiumkrieges und des bestehenden Kaisertums der dreihundertjährigen Fremdherrschaft der Mandschu-Dynastie. Die Tatsache, dasss Hon Xiuquan auch heute in China nicht vergessen ist, beweist eine Fortdauer des dort fortwirkenden revolutionären Impulses.5 China war und dürfte ein Land ohne Sklaverei6, ohne Geheimpolizei und mit religiösem Pluralismus bleiben. Die westliche Betonung staatlicher Gewaltexzesse sollte dabei nicht fehlen, sofern beachtet wird, dass die politische Grammatik des Westens auf Demokratieverhinderung im Namen von Demokratie hinausläuft.

Fang Fangs Tagebuch aus dem pademiegesperrten Wuhan besäße eine Wärme, die das Menschenherz erwärmt, sofern es nicht längst im Hyperkonsum verloren ging: „Was ich eigentlich sagen möchte, ist, dass sich der Zivilisationsgrad einer Nation nicht in der Höhe von Gebäuden, der Geschwindigkeit der Autos, der Effizienz der Waffen und der Schlagkraft der Armee misst. Er misst sich auch nicht daran, wie fortschrittlich die Wissenschaft und wie glanzvoll die Künste sind. Und schon gar nicht am Aufwand von Tagungen und der Pracht der Feuerwerke und nicht einmal an der Zahl von Touristen, die in die Welt ausschwärmen und die Luxusgeschäfte leerkaufen. Der einzige Maßstab ist ihre Haltung gegenüber den Schwachen.“7

Gerade, weil Fang Fang sich auf die Schilderung elementarer Betroffenheit beschränkt, weil sie sich zu China und zu Wuhan bekennt, einer Stadt, die ohne ihre architektonischen Verirrungen als „eine der schönsten Städte der Welt“ gelten dürfe8, bleibt ihr Tagebuch jenen Reflexionen überlegen, die in Europa mit endgültiger Vorläufigkeit eine Beobachtersicht der Pandemie beanspruchen zu einer Zeit, als eine Teilnehmersicht angemessener erscheint. Dazu gehören die Überlegungen für Europa von Ivan Krastev, der das Fehlen eines klaren Plots bemängelt. Dazu gehört die Bemerkung von Ferdinand von Schirach, dass die Pandemie die Stunde der Feldherrn sei. Dazu gehört auch die virtuos banale Rhetorik eines Bernard-Henry Lévy in Frankreich, der sich über die legitimen Äußerungen eines Bruno Latour mockiert, die Pandemie bringe eine „Kollapsologie“ des Kapitalismus, während sie zeige, dass die Hölle nicht die anderen, sondern das Ich sei.9

1 Auch Thierry Eagleton, Warum Marx Recht hat, Berlin, 2012. 234f, entgeht diesem Irrtum nicht. Eine gewisse Ausnahme bieten Dardot und Laval in ihrer umfangreichen Marx-Monographie: P. Dardot/Chr. Laval, Marx, Prénom: Karl, 2012. Paris, 299.

2 Wang Hui. Notre avenir en débat: La politique intellectuelle dans la Chine contemporaine. In: Alain Badiou/ Slavoi Żižek Hrsg, L`idée du communisme, 2010, Paris, 291-314.

3 Vgl. R. Haas, Amerikanische Literaturgeschichte 2, Heidelberg, 1974 65.

4 E. Bloch, Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozialutopien mit Quellentexten, Reinbek 1969, 51.

5 Darüber informiert das hervorragende Lehrbuch von Thoralf Klein, Geschichte Chinas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn u. a. 2009. Vgl. ebenso Darstellung und Textsammlung bei: Hu Kai und G. Schildt, Das Moderne China. 19. und 20.Jahrhundert, Stuttgart 2014.

6 Vgl. J. Needham, Wissenschaftlicher Universalismus. Über Bedeutung und Besonderheit der chinesischen Wissenschaft, Frankfurt 2016, 74-76.

7 Fang Fang 2020, 156.

8 Fang Fang 2020, 340.

9 Vgl. I. Krastev, Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändert, 2020, 13. F. Von Schirach/ A. Kluge, Trotzdem, München, 24. B.-H. Lévy, Ce virus qui rend fou, Paris 2020, 43, 68.

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