Schnee

Schnee

Der berühmte französische Dichter François Villon dichtete die bekannte Zeile, die aussagt, wie die Zeit stillsteht, aber das Zeitliche vergeht:

Mais ou sont les neiges d`antan?
(Doch wo ist der Schnee vom Vorjahr?)

 

Mais où sont les neiges de demain?
(Doch wo ist der Schnee von morgen?)

fügte André Breton, der dichterische Theoretiker der Surrealisten, hinzu.

Der Schnee ist Vergessen, der Schnee ist Zukunft wie in der vorletzten Einstellung des ebenso surrealen wie geerdeten Films Amarcord (1973) von Frederico Fellini, wo Rimini fast im Schnee ertrinkt und die ewige Jugend Italiens weiß aufblüht. Der Faschismus zog vorüber, man beachtete ihn kaum. Er kam und ging wie jener einsam namenlose Motorradfahrer in diesem semi-nostalgischem Film, in welchem niemand der Akteur ist, sondern alle chorisch sprechen und agieren, und der Tod einer Mutter mit der Hochzeit einer Stadtschönheit beantwortet wird.

Die Anhänger einer von Marx bestimmtem Deutung der Faschismen haben vermutlich Recht: Der Faschismus unterdrückt die Gegensätze zwischen den Klassen der reichen Eliten und der Menge der Lohnarbeitabhängigen.1

Das größte Symbol der Vergänglichkeit gelingt Fellini jedoch in jenen zwei Bildern jenes größten Luxusdampfers seiner Zeit namens Rex, der alle Rekorde brach und den zu bestaunen bei Nacht die Bewohner von Rimini mit ihren Booten in die Adria aufbrachen. Der später bombardierte Dampfer bezeichnet auf vergängliche Weise den kriegslüsternen Italofaschismus als ein zu bestaunendes Phantasma.

Et puis vinrent les neiges, les premières neiges de l` absence, sur lés tissés du songe et du réel.

(„Und dann kam der Schnee, der erste Schnee der Abwesenheit, über die Bahnen des Traums und des Wirklichen.“ So der französiche Lyriker Saint-John Perse)

Schnee, der größter Zeichner, unerreichbar den Menschen, wird auch er jene Not zeichnen, von der alle bald gezeichnet sein werden?

 

1 Vgl. dazu die hilfreiche Studie von Peter Bonadella, The Cinema of Frederico Fellini, Princeton 1992, 264f.

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