Über den religiösen Glauben

Über den religiösen Glauben

Was besagt religiöser und insbesondere christlicher Glaube? Vielleicht lohnt sich zunächst eine Erinnerung an das, was vom Historiker Carl Schneider zusammengestellt wurde: »Man sieht also, dass es einen einheitlichen christlichen Glaubensbegriff nie gab. In der ganzen Antike blieb immer eine große christliche Schicht erhalten, die sich mit dem Glauben als bloßem Vertrauen begnügte […] man muss glauben, wie der Landmann an die kommende Ernte, wie der Seefahrer an die glückliche Heimkehr, wie der Kranke an den Arzt und der Schüler an den Lehrer. Dieser schlichte Glaube gewann dem Christentum nicht nur Anhänger unter den Ungebildeten, sondern auch unter den des Denkens müden Gebildeten. Bedenklich wurde es, wenn dieser Glaube zur einzigen erkenntnistheoretischen Voraussetzung wurde. Der Satz, man müsse Gott alles glauben, weil er allein in allem wahr sei, konnte einem gefährlichen Glaubensdogmatismus Tür und Tor öffnen und alles Denken und alle Kritik töten.«1

Glauben besaß also die religiös als Grundlage einer Dogmatik wenig brauchbare Bedeutung einer auf Erfahrung, aber nicht auf Offenbarung gegründeten lebensweltlichen Vertrauens. Die angedeutete Dogmatisierung des Glaubens erfolgte nicht im griechischen Christentum des oströmischen Imperiums, sondern sie geschah im Westen und in Rom: »Im Westen aber ist der Jurist Tertullian vorangegangen. Seine regula fidei, die er auf Christus zurückführt (a Christo… instituta), und gegen die es keine Fragen (nullas… quaestiones) gibt, muss geglaubt werden, auf weite Denkarbeit kommt es nicht an. Ganz folgerichtig spricht daher im Westen schon Cyprian von einem ›Gesetz‹ der Glaubensregel.«2

Im Westen wurde daher auch behauptet, dieses »Gesetz« des Glaubens unmittelbar auf die Apostel zurückzuführen. Diese Fiktion bildet bis heute eine der Säulen des Katholizismus. Die Vergesetzlichung des Glaubens scheint somit jener Beitrag des Christentums zum achsenzeitlichen Universalismus zu sein. Doch eine Universalisierung des Glaubens ergibt eine contradictio in adiecto. Es ist weder logisch, noch soziologisch, noch ontologisch möglich, die schwankende Unsicherheit bloßen Glaubens in die Präskription eines überall gültigen Gesetzes zu gießen. Wenn es dennoch geschieht, so muss die entsprechende Institution über polizeiliche Zwangsmaßnahmen der Einheit des Glaubens verfügen. Dieser Gedanken bildete bei Thomas von Aquin die Grundlage der »Ausrottung« von Abweichlern im Glauben.3

Um die Unmöglichkeit eines Einheitsglaubens zu demonstrieren, sei auf die Attributionsschwierigkeit hingewiesen, die entsteht, wenn verschiedene Attribute in ein und derselben Person eines Religionsgründers vereint werden sollen. Denn die Evangelisten stellen ihre Berichte vom Leben des Jesus unter verschiedenen Gesichtspunkten zusammen. Demnach ist Jesus 1. ein göttlicher Helfer und Wohltäter und ist Sohn Gottes; 2. ist er Welterlöser göttlicher Weltherrscher; 3. Wundertäter; 4. verkörpert er die Idee eines vollkommenen Menschen; 5. ist er mystisch-ekstatischer Geistträger; 6. ist er Prophet; 7. ist er Schriftgelehrter; 8. ist er Gottesknecht.4 Es gibt keine Möglichkeit, diese divergierenden Ansprüche einer einzigen Person zuzusprechen. Jesus als Jesus löst sich in verschiedene und divergierende Angaben auf. Jesus ist entweder Weltherrscher und benötigt dann keine anderen Attribute. Oder er ist Mensch. Dann gibt es keine Regel, welche anderen Attribute für ihn in Frage kommen. Es ließe sich erwidern: Könnte man nicht glauben, dass Jesus alle acht Funktionen erfüllt, dass er Gott und herausragender Mensch zugleich sei? Glauben ließe sich das ohne weiteres. Nur würde man in diesem Fall zeigen, dass der Glaube etwas Unverbindliches und Beliebiges zum Inhalt hat. Was also ist Glauben? Für die antiken Denker stand fest, dass Glaube die schwächstmögliche epistemische Beziehung darstellt. Sokrates warnte: Wenn er etwas nicht wisse, helfe ihm auch der Glaube nicht.5

Diese Warnung wurde vom Christentum zu dessen Nachteil missachtet. Wissen ist eindeutig. Wenn ich weiß, dass ich die Käufer meines Hauses nicht betrogen habe, dann ist an dieser Aussage nichts zu relativieren. Wenn ich jedoch nur glaube, dass ich beim Neukauf eines Hauses nicht betrogen wurde, dann nehme ich zugleich an, dass es möglich ist, dass ich betrogen wurde. Daher gilt, dass Glaube eine modale Prädikation darstellt, bei deren Verwendung die Konsequenz der eigenen Negation allgemein gilt, dafür aber im Fall des religiösen Glaubens gesellschaftlich verboten ist. Wissen besagt, dass X P ist. Glauben besagt, dass X P sein kann. Aus »X kann P sein« folgt, dass ebenso »X kann nicht P sein« folgt. Doch es gehört zu jedem religiösen Anspruch, dass »X kann nicht P sein« als unzulässig betrachtet und gesellschaftlich verboten wird. Dies gibt dem religiösen Glauben eine Stärke, die gesellschaftlich insofern keines Fanatismus bedarf, als es eine Einmütigkeit des Verhaltens einer Gemeinschaft gibt, welche auf die individuellen Glaubenseinstellungen kontrollierend und stabilisierend einwirkt.

Für die katholische Konfession bildet der Glauben insofern keine Basis, als die exklusive Teilhabe der Priesterschaft am Numen der Gottheit das Stärkere bildet. Sofern Glaube besteht, ist ein Stärkeres erforderlich, das die Menschen aus ihrer Unsicherheit befreit. Dies war die Grundlage der nihilistischen Weltentwertung und das Warten auf apokalyptische Weltvernichtung und Weltgericht im Mittelalter. Die Differenz der in die göttliche Heiligkeit aufgenommenen Priester lässt dem Rest der Bevölkerung einen bloßen extern überwachten Glauben. Den Priestern als wahren Inhabern der wahren Religion, die einst Augustinus in den theologischen Diskurs eingeführt hatte, steht ein auf den bloßen Glauben verpflichtetes Volk gegenüber. Das Verhältnis der Kirche zur Bevölkerung bildete ein asymmetrisches Machtverhältnis. Ricarda Huch hatte in ihrem Buch über Luther einprägsame Worte für die Durchsetzung dieser Macht bei jenen gefunden, die es zuließen, dass das modale Prädikat des Glaubens seine eigene Verneinung einschließen durfte: »der rechtgläubigen Menge war es selbstverständlich, dass Irrgläubige mit dem Feuertod bestraft wurden; war das doch seit 1236 Reichsgesetz. Denn den Grundsatz, gewaltsam eine einheitliche Weltanschauung herzustellen, befolgten Kirche und Staat gemeinsam. […] Für die Staatsleiter war die Meinung maßgebend, Untertanen ließen sich leichter regieren, leichter als kompakte Masse handhaben, wenn sie den gleichen Glauben hätten […] Es war folgerichtig und ein streng festgehaltener Grundsatz, dass die Kirche sich auf eine Erörterung ihrer Lehrsätze niemals einließ; sie mussten schlechtweg geglaubt, wenigsten bekannt werden.«6

Der bekannte Ausdruck »rechtgläubig« bestätigt die hier vorgeschlagene Deutung religiösen Glaubens: Glaube als modales Prädikat schließt ein, dass die entgegengesetzte Möglichkeit durch Verbote verstellt ist und nicht erwogen werden darf. Damit hängt auch jene »politische Theologie« zusammen, die im Anschluss an Carl Schmitt die Politik und das Politische »auf den Glauben an die göttliche Offenbarung« gründet.7 Auch hierbei muss der »Glaube« wiederum mit dem Verbot eines zu ihm gehörigen Selbstzweifels verbunden sein. Dass dies alles Vergangenheit sei, widerlegt die vierzigjährige Alleinherrschaft des Franco-Staates eines gesellschaftlich flächendeckenden Katholizismus nicht nur mit dem katholischen Laienorden Opus Dei als faktischer Souverän, sondern auch mit seinem Gesetz Ley de Principio del Movimiento Nacional vom 17.5.1958, verstanden als »Glaubensgemeinschaft aller Spanier in den Idealen, welche den Kreuzzeug beseelt.«8

Die Religionswissenschaft belehrt uns, dass das Priestertum als unmittelbare Gotthabe in antiken Kultreligionen Indiens, Ägyptens, Mesopotamiens, Japans, Mexikos und Perus verbreitet war. Dieser Zug weist die Priesterreligion als Kennzeichen vor dem Einsatz der Achsenzeit aus. Widerstand gegen die Institution zeigten die israelischen Propheten. Priesterlos war zunächst auch das Christentum. Priester sein »heißt mit Gott real umgehen, Gott schauen und berühren.“9 Erst mit dem Einfluss der Mysterienreligionen kam es zur Ausbildung eines exklusiven Priesterstatus, das in der Ostkirche eher volkstümlich, in Rom jedoch mit einer sonst unbekannten »plenitudo potestatis« (unbegrenzten Machtfülle) einherging, das sogar menschliche Macht über den Schöpfer einschloss, wenn der Priester dies will.10 Mit dem Priesteramt, das Joachim von Floris und später die Waldenser in Frage stellten, beweist der Katholizismus, dass sein Bestreben darin bestand, die universelle Bewegung der gleichzeitigen Achsenzeit in Europa, im vorderen Orient, in Indien und in China nicht mitzuvollziehen und sich ihr zu widersetzen. Obwohl die Weissagungen des Joachim von Floris, der für 1260 den Beginn eines Reiches des Geistes vorausgesagt hatte (eine »mystische Demokratie«, wie Ernst Bloch schrieb11) 1215 auf einem Laterankonzil verurteilt wurden, schrieb Dante Alighieri etwa 100 Jahre später im 12. Paradiso-Gesang:

 

Mir zur Seite

leuchtete der kalabrische Abt,

der mit prophetischem Geiste begabt war

(e lucemi dallato

il calavrese abate Giovacchino,

di spirito profetico dotato.)12

Diese vier Zeilen sagen wesentlich mehr aus, als flüchtigem Zurkenntnisnehmen auffällt: Indem Joachim im Paradies erscheint, distanziert sich Dante von jener Weigerung des Katholizismus, die Achsenzeit zu akzeptieren. Waren die altisraelischen Propheten Gegner des Priestertums, so bestätigt Dante hintergründig seine Zweifel an der katholischen Verweigerung der Achsenzeit, indem er Joachim jenen Geist zuschreibt, der sich seit dem alten Israel einer Gottesmacht brüstenden Priestertums widersetzt: den prophetischen.

1 C. Schneider, Geistesgeschichte der christlichen Antike, München 1978, 182.

2 Schneider 1978, 183.

3 Thomas von Aquin, Summa Theologiae III, Madrid 1963 2-2- q 11, art 3, 83f.

4 Vgl. erneut Schneider 1978, 33.

5 Platon, Apologie des Sokrates 21 d.

6 Ricarda Huch, Luther. Köln, 1983, 54 f.

7 Vgl. H. Meier, Was ist Politische Theologie? München 2006, 17. Entgegengesetzt: R. Esposito. In: Frey, Chr., U. Hebekus, D. Martyn , Hrsg, Säkularisierung. Grundlagentexte zur Theoriengeschichte, Berlin. 2020, 574-578.

8 Vgl. W. L. Bernecker, Spanien-Handbuch. Geschichte und Gegenwart, Tübingen/Basel. 2006, 48-51.

9 F. Heiler, Erscheinungsformen und Wesen der Religion, Stuttgart. 1979, 372.

10 Heiler 1979, 375.

11 E. Bloch, E., Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozialutopien . Mit Quellentexten, Reinbek, 1969, 51.

12 Dante Alighieri, Commedia, Paradiso 12. 139-141. (Meine Übersetzung).

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