Weltbürgerliches Leuchtlicht aus China

Weltbürgerliches Leuchtlicht aus China

1. Was eigentlich bedeutet: Lesen? Als Antwort sei vorgeschlagen: Lesen geschieht als Bewusstsein, das einem anderen Bewusstsein folgt und sich ihm unterordnet, bis man ihm zustimmt, oder von ihm abweicht. Wichtig ist der lesende, lange Verzicht auf das eigene Bewusstsein. Viel wurde in Europa gelesen. Der zuvor unbekannte Kontinent Amerika wurde nur deshalb am Ende durch Kolumbus entdeckt, weil dieser so viele antike Quellen gelesen hatte. Lesen wir auch chinesische Texte in wohlkommentierten deutschen Übersetzungen? Wird Laozi, wird Konfuzius wirklich gelesen? Oder reicht es, wenn wir Zusammenfassungen durchblättern, an die sich der Lesende bald nicht mehr erinnert und sie daher vergisst? Wer aber ist WIR?

Wir, das sind Kinder jener Achsenzeit, in der zwischen 800 und 200 vor unserer Zeitrechnung in verschiedenen Kulturen unser Wissen vereinheitlicht wurde: Natur verhält sich einheitlich, Politik erfolgt nach einheitlichen Regeln, die Logik nach einheitlichen Folgerungsbeziehungen, das menschliche Verhalten folgt einheitlichen Regeln. Doch es gibt anderes, das sich nicht einheitlich darstellt. Das Uneinheitliche sorgt für Spannungen. Spannungen werden zu Konflikten. Konflikte werden zu Kriegen. Kriege werden zur Bedrohung aller mit Auslöschung.

2. Von allen Reichen der Geschichte währte das chinesische Reich am längsten. China übte sich lange als Friedensreich und kannte nicht Sklaverei als Institution. Dann folgte eine Modernisierung, an deren Ende ein Sinomarxismus stand. China wurde, anders als das diktatorisch regierte Japan, niemals von außen erobert. Auch wenn Karl Marx nicht das moderne China begründete, so gab Marx doch vor, die Erde niemals zum Eigentum werden zu lassen, sondern sie als Besitz zu behandeln und zu pflegen: „Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihr Nutznießer, und haben sie […] den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.

Mit China – von dem der Westen inzwischen wirtschaftlich vollständig abhängt und mit dem er Handelsverträge abschließt und das selbst 2020 die größte Handelsunion namens RCEP des Globus mit 2,2 Milliarden Menschen im ostasiatischen Raum schuf – verbindet der Westen gern die nicht unberechtigte Kritik, das dort Menschenrechte gewalttätig missachtet werden. Einer Beobachtersicht wird allerdings nicht entgehen, dass die europäische Politik ebenfalls keine Bedenken hat, gewalttätig ihre Außengrenzen vor dem Eindringen von Einwanderern zu schützen.

3. Lesen wir chinesische Autoren? Täten wir es, dann würden wir feststellen, dass die bisherigen Gesellschaften auf die Erzielung von Eigenvorteil gerichtet waren. Eigenvorteil schließt andere aus und kann zu Fremdvernichtung werden. Ein chinesischer Denker teilt uns jedoch mit: „Die Koexistenz geht der Existenz voran, mit anderen Worten, die Koexistenz ist die Voraussetzung der Existenz.“ In Europa hatte Jean-Paul Sartre Mitte des 20. Jahrhunderts geschrieben, dass die Existenz der Essenz voraufgehe (l‘existence précède l‘essence). Jeder ist um sein Dasein bemüht, und das was mein Wesen, meine Essenz, ausmacht, das kommt erst zu meinem Dasein hinzu. Der chinesische Autor ist insofern weiser, als er die Berechtigung des Daseins aller Menschen zur Voraussetzung eines Gelingens individuellen Daseins erklärt. Er heißt Zao Tingyang. Sein Buch trägt den Titel Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung. Wer in diesem Buch liest, wird auch jene Erlaubnis zu unerlaubten Akten, nämlich den Krieg, nicht mehr als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln (so einst Clausewitz) verstehen, sondern als Ausdruck gescheiterter Politik. Er wird aus China die Stimme jener Tanxia vernehmen, verstanden als „optimale koexistentielle Beziehung zwischen zwei beliebigen Menschen.“ Wer sich mit China beschäftigt, wird auch auf Hong Xiuquan stoßen, der im 19. Jahrhundert ein fortschrittliches Kaiserreich gründete, das Opfer eines westlichen Imperialismus wurde.

4. Befolgt das China von heute mit seiner Abwehr eines feindlichen Internets und mit seiner staatlichen Kontrolle der Banken und dem Kollektivbesitz des Bodens und seinen Menschenrechtsbeschränkungen das Tanxia? Vielleicht ist diese Frage insofern unpassend gestellt, als man aus dem Westen nichts hört als Konkurrenzwirtschaft, Hegemonie, Sicherheit und Kriegsbereitschaft. Auch das sinomarxistische China ist politisch sterblich. Die Vorstellung jedoch, dass Koexistenz der Existenz voraufgeht, ist geeignet, die UNO synthetisch zu erweitern und globalpolitisch zu beflügeln.

5. Zao Tingyang zitiert an einer zentralen Stelle aus dem uralten Daodejing des Laozi, Nummer 54. Dort heißt es:

Deshalb betrachte man sich selbst [nach den Maßstäben für eine] Einzelperson.

Deshalb betrachte man die Familie [nach den Maßstäben für eine] Familie.

Deshalb betrachte man die Gemeinde [nach den Maßstäben für eine] Gemeinde.

Deshalb betrachte man ein Land [nach den Maßstäben für ein] Land.

Deshalb betrachte man das, was unter dem Himmel ist [nach den Maßstäben für] das, was unter dem Himmel ist.

Woher kann ich wissen, dass das, was unter dem Himmel ist, so ist?

Aufgrund dessen.

Diese Zeilen ordnen der universellen Koexistenz (tian xia) das Existieren meiner selbst, meiner Familie, meiner Region, meines Landes gelingend unter. Die universelle Koexistenz ist das Umfassende, das nicht mehr umfasst wird. Das Aufgrund dessen der letzten Zeile bezieht sich vermutlich auf das Umfassende des Umfassenden. Ein deutscher Autor versucht derzeit, sich jener Tanxia mit folgenden Zeilen zu nähern:

Und Glück, der voreilige

Vorteil eines nahen Verlusts?

Es schwankt ausgestreckt ein Orient

zwischen zerhacktem Fortschritt

im Abendland und einem

überunendlichen Dao.

 

Literatur

Ekmann, Alice, Rouge Vif. L‘idéal communiste chinois. Paris 2020

Klein, Thoralf, Geschichte Chinas von 1800 bis zur Gegenwart. Paderborn 2009

Laozi, Daodejing. Das Buch vom Weg und seiner Wirkung. Chinesisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Rainald Simon. Stuttgart 2009

Liebsch, Burkhard und Taureck, Bernhard H. F., Trostlose Vernunft? Vier Kommentare zu Jürgen Habermas’ Konstellation von Philosophie und Geschichte, Glauben und Wissen. Hamburg 2021

Taureck, Bernhard H. F., Drei Wurzeln des Krieges, und warum nur eine nicht ins Verderben führt. Philosophische Linien in der Gewaltgeschichte des Abendlandes. Zug 2019

Taureck, Bernhard H. F. und Liebsch, Burkhard, Drohung Krieg. Sechs philosophische Dialoge zur Gewalt der Gegenwart. Wien/Berlin 2020

Zao Tingyang, Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung. Berlin 2020

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