Ein Appell

Ein Appell

Mit der Pandemie und ihrer Folge, der globalen Insolvenz, beschleicht uns der Eindruck, wir seien alle um 1000 Jahre gealtert, aber nicht gereift. Hat das Reifen noch einen Sinn, außer als irgendwie veraltete pädagogische Kategorie? Reift ein Most, um als Wein die Gemüter zu benebeln? Reift ein Schwein, um zerstückelt und von Menschen aufgefressen zu werden?

Rasch erschien in fast allen sehr eiligen Kommentaren die Rede von der Krise als Chance. Dieser Gedanke war jedoch längst vorfabriziert. Es gehört zum Arsenal der Krisenrhetorik, mit jeder Krise zugleich Chancen zu verbinden. Das System, das Geldvermehrung aus Geld betreibt und dabei automatisch Krisen erzeugt, verbindet deshalb gleichermaßen automatisch Krise mit Chance. Chance heißt hierbei Ereignisse, welche die Fortsetzung des krisenerzeugenden Systems in einen für es günstigen Verlauf in der Zukunft sichern.

Als ich im März 2020 einen Appell in deutscher Sprache, übersetzt von Freundinnen und Freunden, ins Englische, Französische, Spanische, Italienische und Chinesische an alle Betroffenen richtete, verstand ich »Chance« jedoch ganz anders. Sollte Chance bisher, auch in verdeckter Form, stets nur die Zukunft des bestehenden Geldvermehrungssystems befördern, so verstand und verstehe ich »Chance« als Bruch mit dieser Fortsetzbarkeit. Der Appell lautete:

Aus allen bisher verfügbaren Daten  der Covid-19-Pandemie ergibt sich als wahrscheinliche Folgerung: Es wird eine Zeit der Arbeitslosigkeit, eine Zeit des Mangels, eine Zeit der Not kommen. Sie ähnelt den Zeiten der Nachkriegszeit, gilt aber für den gesamten Globus.

Was könnte man sich dann für die Zukunft wünschen? Möchte man in Zukunft nicht wieder in gesichertem  Wohlstand leben wie vor der Pandemie?  Sehnt man sich nicht zurück in eine verklärte Zeit des üppigen Friedens?

Wenn die Pandemie eine wohltätige Wirkung haben könnte, so kann es kein gesellschaftliches Ziel sein, mit der Zukunft in eine verklärte Vergangenheit zurückzustreben. Denn jene Zeit des Wohlstands beruhte auf einer extrem ungleichen Verteilung des Wohlstands. Diese Zeit sorgte zudem für eine gefährliche Erderwärmung, für eine riskante  Vergiftung der Atemluft, für ein Verstrahlungsrisiko durch unsicher abgesicherte Atomkraftwerke und deren Müll, für eine Versauerung der Meere und für die Möglichkeit eines Atomkrieges aus Versehen  infolge der dabei benötigten Künstlichen Intelligenz. Diese Zeit vor der Pandemie war insbesondere auch jene Zeit, vor der der britische Forscher Peter Daszak warnte: Eine Zeit des Eindringens des globalisierten Menschen  in fragile Ökosysteme mit dem unabschätzbaren Risiko, Opfer von Zoonosen zu werden.

Wenn die Pandemie  einen Vorteil hätte, so ist es der Vorteil einer Distanz zu jener verlorenen Wohlstandszeit. In dieser Distanz liegt unsere Chance. Die zu erwartende Zeit des Mangels und der Not könnte der Beginn einer Zeit der Mäßigung sein und des Endes der für uns alle ruinösen Übernutzung dieses Planeten, der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und  nicht zuletzt seiner von uns vernutzten Tiere. 

Dann endlich wäre die Zeit gekommen, uns wieder von Lebensmitteln zu ernähren, die unseren Organismus stärken anstelle von Nahrungsmitteln, die uns krank werden lassen.

Einige Wochen Pandemie in Venedig haben gereicht, um das Wasser in den dortigen Kanälen kristallklar werden zu lassen, in denen sogar wieder Fische auftauchen. Genau dieses Phänomen weist den Weg zu einer Distanzierung unserer bisherigen Lebensweise von der Pandemie.

Ich möchte ihn an dieser Stelle, einige Monate später, noch einmal bestärken und danke allen, die damals zu seiner – positiv kommentierten – Verbreitung beitrugen.

Ein Gedanke zu „Ein Appell

  • 21. November 2020 um 4:11 pm
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    Diese globale Pandemie waere DIE Chance fuer die Menschheit, endlich dem Parasitentum an Mutter Erde, Tier und Natur zu entsagen und in die frugale Einfachheit des tugendhaften Rom (nicht des feudal-brutalen Pomp des roemischen Weltreiches und seiner Caesaren), sondern die klugen Koepfe und hohen Herzen eines Cicero, Horaz, Virgil oder Seneca, einzukehren und in genuegsamer Weise das zu sich zu nehmen, was jeder einzelne fuer sich braucht, ohne den Hintergedanken des hundertfachen Nutzens und tausendfachen Profitstrebens, der alles verwuestet und diesen Planeten dem nackten Erdboden gleich macht! Der heutige Planet gleicht einer ausgepressten Zitrone, der nicht mal ein Kern bleibt, um ein weiteres Zitronenbaeumchen wachsen zu lassen. Weshalb behaupten die Amerikaner, auf dem Mond gewesen zu sein, wo sie doch innerhalb kuerzester Zeit die Mondwueste hier auf der Erde haben koennen! Der Wunschtraum vom Fliegen hat sich in erschreckender Weise fuer den Menschen erfuellt, denn fehlt erst einmal die Biene, braucht er nicht mehr zu fliegen, sondern ‚macht sehr bald selbst die Fliege‘! Ikarus laesst gruessen, wenn er doch nur auf Daedalus gehoert und sich in Bescheidenheit geuebt haette!

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