Der Sieg der Heimtücke und der Fakes im frühen Europa über das kulturelle Plasma 2

Der Sieg der Heimtücke und der Fakes im frühen Europa über das kulturelle Plasma 2

Wie im 1. Teil: Sokrates, Palamedes, ein Mitarbeiter, Odysseus.

Mitarbeiter:

Magst du nunmehr fortfahren, Odysseus?

Odysseus:

Gern. Die Frage ist, warum wir Menschen so gern lügen? Ich weiß die Antwort: Weil wir die Wahrheit so sehr lieben –

Sokrates:

Diese Ironie geht mir zu weit.

Odysseus:

Du hast mich unterbrochen, Sokrates. Meine Fortsetzung lautet: Wir lügen, weil wir die Wahrheit so sehr lieben, dass wir sie als unser Eigentum betrachten. Eigentum heißt, dass andere von der Nutznießung ausgeschlossen werden. Wer lügt, betrachtet eine Wahrheit als sein Eigentum und schießt andere von ihrer Kenntnis aus und erzählt ihnen etwas, von dem er weiß, dass es nicht zutrifft. Dies geschieht, um seinen Privatbesitz der Wahrheit für sich zu haben und mit ihr anzustellen, was ihn beliebt.

Sokrates:

Wer lügt, hat also eine Wahrheit als seinen Privatbesitz und hält sie durch Täuschung davon ab, auf diese seine Wahrheit zuzugreifen?

Odysseus:

Wie anders, mein Sokrates?

Sokrates:

Verflixt. Dieser Gedanke ist auch mir nicht eingefallen.

Odysseus:

No problem. Dafür habt ihr ja mich.

Palamedes:

Nun kann aber die Lüge auch die Gestalt einer Intrige annehmen. Da gab es also einen gefälschten Brief des Trojanischen Königs Priamos, der vorschlug, dass Palamedes die Griechen an die Trojaner gegen Gold verraten sollte. Da gab es ferner Menschen, die Gold dorthin schafften, so dass es Palamedes zu gehören schien. Beides reichte den Griechen, um Palamedes des Hochverrats zu bezichtigen und ihn zu steinigen. Geschah dieser gezielte Justizmord nicht als Intrige des Seeräubers Odysseus?

Odysseus: Was auch geschah, es wurde einst gerächt durch Palamedes`Vater Naupilos, der die Schiffe der Griechen bei ihrer Heimfahrt durch Leuchtfeuer-Fakes kentern ließ.

Sokrates:

Glück hattest du, Odysseus, dass sich Homer nicht für Palamedes interessierte und stattdessen dem Odysseus einen Heldengesang dichtete. Mit Palamedes haben die dummen Griechen jemanden verloren, der ein Würfelspiel, der Buchstaben zum griechischen Alphabet hinzufügte, der Zahlen und Gewichte erfand, der euch Astronomie und Medizin lehrte. Und der selbst ein Dichter war. Hatte der Tragödiendichter Euripides daher nicht Recht, als er schrieb: »Ihr habt getötet, getötet den allweisen (pansophon), ihr Griechen, den Musensänger, der niemandem etwas zuleide tat«? Das aber tatet ihr, beeinflusst durch einen, der »erfolgreich zu reden versteht und sich für hässliche Dinge einsetzt.«

Palamedes:

Warum dies alles möglich war, hat ebenfalls Euripides festgehalten: »Auf eins sind alle aus – Musenfreunde und solche, die auf Musen verzichten – alle streben nach Besitz, und wer am meisten hat, der, und nicht etwa der Weise, gilt ihnen als der Weiseste (sophotatos).«

Mitarbeiter:

Warum nur waren die Griechen so weise und so schutzlos ihrer Habgier ausgeliefert? Warum verehrten sie in ihrer Libido Pereundi sich am Ende selbst?

[(Denn ich lehnte es ab, hier und überhaupt, mich einem System zu unterwerfen,] M. Youcenar, Mémoires d`Hadrien, Paris 1974, 112.)

[Kluges zu Hadrians Zeilen findet sich bei] Karl Büchner, Römische Literaturgeschichte, Stuttgart 1994, 482-484.

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